Primarschule Turbenthal
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Zur Pensionierung von Roland Güttinger, Gesamtschule Schmidrüti
Eine nicht gehaltene Abschiedsrede

Liebe Kolleginnen und Kollegen
liebe Schulpflege
Ich glaube, es lohnt sich auch am Ende des sogenannten Arbeitslebens zurückzuschauen und Bilanz zu ziehen. Es lohnt sich, weil dieses Zurückschauen auch verbinden kann: verbinden mit Kollegen, die an ihrer Stelle bleiben und die Arbeit weiterführen werden. Die Arbeitsabläufe durchzudenken – das lohnt sich alleweil. Es überprüft Massstäbe, setzt Prioritäten und führt auch zu Fragen und Überlegungen, was zu erhalten und was zu verändern sei: individuell wie auch gesellschaftlich.
Nun, was macht unsere Arbeit aus? Im ersten Teil möchte ich zwei Elemente unserer Aufgabe genauer beschreiben: das genaue Schauen und das Tun. Dann in einem zweiten Teil möchte ich auf zwei Elemente zu sprechen kommen, die unsere Arbeit erschweren können: da stehen an erster Stelle wir selbst und andererseits gesellschaftliche Verhältnisse.
Mit dem Schönen unseres Berufes möchte ich beginnen. Das Schöne im umfassenden Sinne: die Abwechslung, die Herausforderung und die Verantwortung.
Da ist nichts von wiederkehrender Langweile, auch wenn die paar Rechnungsarten und die Sprachfähigkeiten, die es zu vermitteln gilt, grundsätzlich immer die gleichen bleiben. Die Flut von Neuem in diesen Bereichen mag nicht darüber hinwegzutäuschen: das Kerngeschäft bleibt das gleiche. Etwas anders ist es in den musischen Fächern und in den Realienfächern. Da sind die Gestaltungsmöglichkeiten viel breiter. So breit, dass die Gefahr besteht, dass sie durch Modeerscheinungen mehr geleitet werden denn durch Ausgewogenheit. Auch Geschichte und Geographie lassen so viel Auswahlmöglichkeit, dass darob öfters Wesentliches vergessen geht oder wir Näherliegendes eher anpacken als Nötiges.
Also was ist denn dieses Schöne, immer wieder Neue, das unsere Arbeit ausmacht? Natürlich die Schüler, die Heranwachsenden, die sich Entwickelnden. Sie stellen uns jeden Tag vor neue Aufgaben. Die Vermittlung von Stoff, von Fähigkeiten und die Begleitung der Schüler in ihrer Reifung, ihrer Persönlichkeitsentwicklung wie auch in der Entstehung einer Klassengemeinschaft, in der z.B. Gleichwertigkeit, Toleranz, Rücksichtnahme und Mitverantwortung wächst - das alles verlangt von uns vor allem eins: das möglichst genaue individuelle Erfassen von einzelnen Lebensstilen. Wie geht Max mit einer neuen Aufgabe um, wie stellt sich Ursi einer neuen Herausforderung? Wie bewegen sich die Schüler in ihrer schulischen Gemeinschaft?
Die Antworten darauf sind tausendfältig: der eine versteht die Aufgabe sehr schnell, manchmal all zu schnell, wir sind mit der Einführung ja noch gar nicht fertig. Ein anderer schiebt die aufgetragene Aufgabe konsequent weg, da muss zuerst der Bleistift gespitzt, anschliessend unter der Bank noch etwas gesucht werden oder ein Schüler beginnt gerade sich weitreichenden Träumereien hinzugeben. Wieder ein anderer blendet die neue Aufgabe erstaunlich resistent aus, er fühlt sich entweder nicht angesprochen oder hört schon gar nicht hin. Mit ‚allen’ ist nicht ‚er’ gemeint. Natürlich gibt es auch die ganz normale Variante: einfach beginnen, sich vielleicht noch einmal versichern beim Nachbarn oder bei uns. Und schliesslich sind noch alle Farbgebungen dazwischen vorhanden.
Im Zusammenleben der Klassengemeinschaft sind diese Abläufe noch viel filigraner. Weshalb geraten immer ausgerechnet diese zwei aneinander? Weshalb ist dieser immer so still und mischt sich nicht ein? Weshalb lässt sie ihre Freundin immer wieder mal abblitzen? Wie finden sich die Schüler in der neuen Klassenkonstellation zurecht? Lösen sie aufkommende Konflikte und wie? Wie weit gelingt es ihnen ihre eigenen Anteile auch zu erkennen? Wie lernen sie Recht und Unrecht zu unterscheiden und sich auch in unbequemen Situationen mutig und eigenständig zu behaupten? Wie lernen sie friedensfähige, mitgestaltende Teilnehmer ihrer Klassengemeinschaft zu werden? Dies sind schliesslich alles Aufgabenbereiche, die für das kommende Leben in Beruf und Gesellschaft vorbereiten sollen.
Unser richtiges Sehen und Erfassen wird also durchaus ein ausfüllender, sich nie wiederholender Vorgang.
Und schon fügt sich die nächste Aufgabe hinzu: Was mache ich damit?
Konkret sieht unsere pädagogische Aufgabe dann so aus:
Wir sind den Schülern und Schülerinnen in erster Linie dabei behilflich, dass ihnen das Lernen besser gelingt, dass sie mit dem Lernstoff besser zu Rande kommen. Dabei können wir davon ausgehen, dass jeder sehr gerne und sehr gut lernen will. Das ist sozusagen die Grundannahme. Wenn der Schüler also nicht ordentlich lernt, wie wir dies weiter oben beschrieben haben, liegt oft eine Entmutigung vor. Es kann aber auch sein, dass er so schnell sein will wie seine grossen Geschwister, dass er sich deshalb gar keine Zeit lassen will. Oder er ist sich nicht gewohnt, sich etwas zeigen zu lassen. Er hat bis anhin erlebt, dass man ihn fragt, wie er es gerne haben möchte. Damit hatte stets er das Sagen und die natürliche Ausrichtung auf den Erwachsenen konnte sich nicht richtig entwickeln. Dies sind alles Lebensstile, die ein erspriessliches Lernen ordentlich erschweren. Der Schüler weiss somit nicht, wie er eine Arbeit anpacken soll, schlägt Umwege ein, um von seinem Unvermögen abzulenken. Damit haben wir schon eine ganze Palette von anstehenden pädagogischen Aufgaben, die es auf Grund unserer Beobachtungen zu lösen gilt. 
Im zwischenmenschlichen Ablauf sieht es nicht viel anders aus. Oft spielen da ähnliche Mechanismen wie beim Lernen. Vieles ist sehr nützlich, anderes eher hinderlich, wenn es darum geht, ein gedeihliches Miteinander zu entwickeln.
Auch wenn jeder Mensch eine individuelle Persönlichkeit ist, so haben wir doch vieles gemeinsam. So dass wir durchaus von einer Natur des Menschen sprechen können. Es gilt also bei jedem Schüler, ihn in seinen Stärken zu sehen und entsprechend zu fördern. Auf dieser Grundlage kann auch Unbrauchbares korrigiert und Sinnvolleres entwickelt werden, sei es im kognitiven wie im sozialen Bereich.
Dazu gehört z.B.: besser zuhören, sich ausreden lassen , sich gleichwertig begegnen, den andern nicht beleidigen, nicht wehtun, lernen sich am Beitrag des andern freuen, nicht immer der einzige, schnellste sein wollen, usw.
Dabei sind auch wir stets gefordert: So können wir immer wieder über Lösungsvorschläge von Schülern staunen - wenn sie gefragt werden. Oder wir entdecken neue Fähigkeiten und Interessen hinter einem stillen Wesen – wenn die Aufgabenstellung anders lautet, wir einen neuen Zugang finden. Auch delikate Abläufe, bei denen oberflächlich gesehen immer wieder die gleichen ins Rampenlicht geraten und die Drahtzieher geschickt im Hintergrund bleiben, sehen plötzlich anders aus – wenn wir Zeit und Ruhe haben, genau hinzuschauen und zuzuhören. Manchmal gilt es aber auch entschieden einzuschreiten, einer Entwicklung Einhalt zu gebieten, ihr eine andere Richtung zu geben.
Was brauchen unsere Kinder eigentlich, um tüchtig, gemeinschaftsfähig und demokratiefähig zu werden? Was soll das Kind lernen, damit es an den Realitäten der Welt eigenständig und verantwortlich mit gestalten kann und nicht untergeht? Wozu soll es gerüstet sein trotz gewisser Realitäten dieser Welt?
Schliesslich sollen die Kinder umfassend aufs Leben vorbereitet werden, dies ist unser Bildungsauftrag. Sie sollen später in einem Beruf, als verlässliche Mitbürger und gemeinschaftsfähige Mitmenschen mittun können, einen tüchtigen Beitrag leisten können in einer Volkswirtschaft, deren Primat allerdings bei der Politik liegt - mit den Worten des emeritierten St. Galler Wirtschaftsprofessors Peter Ulrich – einer dem Gemeinwohl verpflichteten Politik.
Die Arbeit mit den Schülern orientiert sich also klar am Zweckartikel unserer Volksschule, der da lautet:
„So ist die Volksschule eine Stätte allgemeiner Menschenbildung. Wohl soll sie ein gewisses Mass  von Kenntnissen und Fertigkeiten vermitteln, die notwendig sind für ein gedeihliches Fortkommen im Leben. Wahre Menschenbildung offenbart sich aber nicht ausschliesslich im Wissen und Können; ihr charakteristisches Merkmal liegt viel mehr in der Harmonie eines lautern Innenlebens und des Handelns, das stets auf das Wohl des Ganzen gerichtet ist und nie das Licht zu scheuen hat.“ (Zweckartikel 110, Lehrplan der Volksschule des Kantons Zürich)
In unserer kleinen Schule in Schmidrüti haben wir dies so umzusetzen versucht:
Das gemeinsame Gestalten des Schulalltages über die verschiedenen Altersstufen hinweg ist ein Gewinn für alle Beteiligten. Die Grossen können den Jüngeren behilflich sein; die Kleineren schauen sich bei den Grossen vieles ab, was der Lehrer nicht extra einzuführen braucht. Die Grossen erfahren ihre Bedeutung, in dem sie realisieren, wie die Jüngeren auf sie schauen und von ihnen lernen. Auch beobachten sie gerade am Unterschied zu den Jüngeren, welchen Weg sie bereits zurückgelegt haben. Der Gewinn dabei ist für alle gross: Rücksichtnahme, gegenseitige Hilfe, Geduld und Toleranz, aber auch Selbständigkeit und Verbundenheit innerhalb der Klassengemeinschaft entstehen fast wie von selbst. Und die Kinder merken sehr wohl, dass wir alle aufeinander angewiesen sind und dass es auf jeden von uns ankommt.
Damit ist die Schule neben der Familie die zweite Vorbereitungsstätte für das, was auch in der Gemeinde so wichtig ist: Das Zusammenfinden aller in unterschiedlichen Altersstufen über alle Generationen, Parteien und Konfessionen hinweg. Ist es nicht das, was unsere Gemeinden und Institutionen brauchen, um das zivile Leben sinnvoll organisieren und gestalten zu können?
Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass das Suchen und Finden von Antworten und Lösungen in der pädagogisch-erzieherischen Arbeit mit den Kindern zum Erfüllendsten unseres Berufes gehört.
Im zweiten Teil wollen wir nun noch zwei Elemente betrachten, die die pädagogische Arbeit erschweren können.
Manchmal ist es einfacher zu sagen was wir sicher nicht brauchen können. Das eine ist der eigene Perfektionismus. Wenig kann störender, lähmender wirken als das bohrende Gefühl, es immer noch zu wenig gut gemacht zu haben. Selbstverständlich kann dieses Gefühl – vorausgesetzt in der richtigen Dosierung – durchaus sinnvoll sein. Aber das Pädagogen-Dasein ist wohl davon geprägt, dass man damit leben – ja auch zufrieden leben muss und kann, dass man täglich Dinge sieht, die noch zu verbessern und geschickter anzupacken sind oder umsichtiger geplant werden müssen. So ist es eben, wenn man mit Menschen zu tun hat. Zudem gibt es auch bei uns sicherlich Defizite, an denen zu arbeiten ist, vor allem wenn wir an die allgemeingültigen Werte denken, wie sie der Zweckartikel der Volksschule beinhaltet. Jedes Weiterbildungsangebot in dieser Hinsicht ist sicherlich sinnvoll, weil es die Persönlichkeit des Lehrers voranbringt.

Neben diesen persönlichen Anteilen gibt es allerdings auch noch gesellschaftliche Aspekte, welche die Arbeit in der Schule erschweren. Dazu gehört die schleichende Ökonomisierung im Bildungswesen.
Selbstverständlich haben unsere Schulen die Aufgabe, unsere Kinder auf das Berufsleben vorzubereiten, und dies in einer Volkswirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert, in der die Wirtschaft dem Menschen dient und nicht umgekehrt. In den letzten Jahrzehnten hat sich im Zuge der Globalisierung und Liberalisierung jedoch zunehmend die fixe Idee durchgesetzt, alles müsse an den Massstäben der Wirtschaft gemessen werden. Im öffentlichen Sektor, so auch in der Schule beginnt dieses Denken Einzug zu halten. Das stört, weil es nicht passt.
Gesellschaftlich ist diese Ausrichtung auf eine globalisierte Wirtschaft schon länger angelegt. Ernst Buschor hat zuerst den Service public im Gesundheitswesen mittels New public management in Dienstleistungsunternehmen umfunktioniert. Als nächstes hat er sich im Erziehungswesen festgesetzt und dort ähnliche Spuren hinterlassen (nachzulesen in Alessandro Pelizzari, Die Ökonomisierung des Politischen, New Public Management und der neoliberale Angriff auf die öffentlichen Dienste, Konstanz 2001). Genauer unter die Lupe zu nehmen sind in diesem Zusammenhang die Interessensbindungen von Buschor, die er während seiner Zeit als Erziehungsdirektor nie offengelegt hat. So pflegte er enge Beziehungen zur Bertelsmann-Stiftung, bei der er seit 2000 Mitglied des Kuratoriums und zwischen 2005 bis 2007 Vorsitzender war. Über den gewaltigen Einfluss dieser Stiftung auf die Politik europa- und weltweit gibt es unterdessen verschiedene wissenschaftliche Publikationen.   
Kurz gefasst: Buschors Reformen führen von einer demokratisch verankerten Volksschule weg. Wollen wir das? Bildungseinrichtungen, zentral von Experten von oben gesteuert mit der Vision einer letztlichen Privatisierung?
Bertelsmann und dessen Funktionäre haben in unserem Bildungswesen nichts zu suchen. Die schweizerische Volksschule steht in einer ganz anderen Tradition. Sie ist die Grundlage unserer direkten Demokratie. Ich habe auf den Zweckartikel hingewiesen. Man muss die Geschichte ihrer Entstehung kennen und würdigen können.
In der neoliberalen Wirtschaft der letzten Jahrzehnte ging es weder um Demokratie noch um Gemeinwohl. Oberstes Prinzip war Profitmaximierung. Die Stimmen, die auch hier eine Umkehr fordern sind nicht mehr zu überhören. Ökonomen wie Joseph Stieglitz oder der oben erwähnte Peter Ulrich fordern klar, dass der verloren gegangene Primat der Politik wieder hergestellt werden muss. Die Politik darf nicht länger durch die Logik der Finanzmärkte diktiert werden.
Auch in der Schulpolitik kündigt sich eine Rückkehr zur demokratie-gestützen Vernunft  an, wie folgendes Beispiel zeigt: Seit neuestem werden unsere Volksschulen ‚extern’ evaluiert. Auch da soll angeblich ‚professionell’ besser gemacht werden, was bis vor kurzem gewählte Volksvertreter als Bezirksschulpfleger taten. Sie erfüllten ihre Aufgabe nicht weil sie gut bezahlt waren und auch nicht mit einer Liste, nach der alle Kriterien abgehakt wurden, sondern sie kamen aus ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit heraus als interessierte und Verantwortung übernehmende Mitbürger in die Schule und massen mit ihrem gesunden Menschenverstand die Stimmung in den Schulstuben. Die Volksschule, die im Volk verankerte gemeinsame Erziehungs- und Bildungsaufgabe für die nächste Generation lag ihnen am Herzen. Dieses gemeinsame Anliegen soll wieder hergestellt werden. Zum Glück sind nun im Kantonsrat Bestrebungen im Gange, die fürstlich entlöhnten Experten, die zur Qualität der Schule nur wenig oder gar nichts beitragen, wieder abzuschaffen und damit die angespannte Finanzlage im Kanton etwas mehr ins Lot zu bringen.
Kehren wir zum Schluss zur Pädagogik zurück. Der grosse Unterschied zur Wirtschaft liegt wohl darin, dass ihr kein Profitanliegen zugrunde liegen darf. Es geht um Menschenbildung im schönsten Sinne. Ihr liegt die Frage des Menschenbildes zu Grunde. Und darüber wollen wir nicht streiten, sondern hier sollen die besten Theorien und Ansätze sich bewähren, in der Praxis, beim einzelnen Kinde, beim einzelnen Pädagogen.

Zum Schluss möchte ich allen ganz herzlich danken, für die Zusammenarbeit, die Unterstützung, die ich und meine Frau rundum erfahren durften, sei es im Schulhaus selbst, bei unseren Kolleginnen Brigitte, Nicole und Ruth, sei es in unserer etwas künstlich aufgezwungenen Schuleinheit – ich weiss, Zürich hat’s gewollt – und im Gesamtkollegium in Turbenthal und der fähigen politischen Leitung unserer Schule, eben unserer Schulpflege. Zu allen: habt Dank.
Schmidrüti, anfangs Juli 2011






 

 
 
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